Ich bin gestrandet am Ufer der Weser. Ein beschauliches Hafenviertel voller Schiffe und zwielichtigen Gestalten. Hier hauchte man mir das Leben ein. Mitten in der tropischen Hitze des Jahres 1988 öffnete ein trautes Elternpaar meine geblendeten Augen. Es gab viele kleine Schätze in meiner Kindheit. Polaroids. Unbezahlbaren Erinnerungen. Augenblicke und Gedanken gefasst in seelische Fotografien. In einer stürmischen Nacht fegte ein Schatten durch die zügigen Zimmer unseres Hauses. Er legte seinen Arm über meine Wiege und nahm die Erinnerungen ansich.
Am nächsten Morgen fanden wir eine Truhe vor unserer Haustür. Dabei war eine kleine Karte, auf der ein goldener Schlüsser verzeichnet war. Der vergoldete Schlüssel liegt weit in einer scheinbar unerreichbaren Felsgrotte entfernt auf einem kleinen Hügel. Man munkelte schon damals, dass es schier unmöglich sein soll, diesen wertvollen Schlüssel zu finden. Bewacht von Seemonstern und Naturgewalten kam schon manch ein Suchender nicht mehr von seiner Reise zurück. Die Suche nach dem Schlüssel zum Glück sollte zu meiner Lebensaufgabe werden.
Ich schloss mich einigen lumpigen Gestalten an und fuhr zur See. Als unerfahrener Schiffsjunge arbeitete ich hart auf der „C’est la vie“. Es war das größte und stolzeste Piratenschiff seiner Zeit. Schon wenn es seine Segel in den Wind setzte, erstarrten Feinde vor Ehrfurcht. Unter der zerschlissenen Fahne der Seeräuber lief ich in manch ein scharfes Messer hinein, verlor manch ein Leben um das Schiff zu verteidigen.
Noch immer sehe ich das herrlich schwarze Tuch im rauen Wind des Meeres flattern, wenn wir die Reichen beraubt und die Schlachten gewonnen haben. Nicht eine kleine Golddukate, kein einziges schmückendes Diadem war Sinn und Zweck dieser Raufereien. Die Zeit war der eigentliche Schatz. Erfahrungen. Das Leben. Das waren die Kostbarkeiten meiner Beutezüge.
Mit meiner Mannschaft aus hungrigen Freibeutern entdeckte ich abenteuerlichste Welten. Bald übernahm ich das Kommando über unser Schiff und erkundete die Welt mit all ihren Gewässern und Kontinenten. Ich erlebte Wind und Sturm auf allen sieben Meeren und kämpfte mit Ägis um seine Gunst.
Immer wieder legten wir Anker. Wir sahen Sandstrände so weiß wie die Haut einer Jungfrau. Wälder voller Schlangen und Affen. Ich kletterte steile Gipfel empor, fiel von hölzernen Brücken viele hunderte Meter tief in seichtes Gewässer, ergaunerte mir auf leisen Sohlen das Vertrauen manch eines Mannes und segelte mit meiner Mannschaft wieder davon.
Nun mache ich eine Zwischenstation auf meiner Reise. Wieder sind die Anker gesetzt. Doch die weite des Horizonts schickt ihre windigen Grüße bereits voraus. Oben auf der Spitze des Segelmastes blicke ich meiner ungewissen Zukunft entgegen und halte Ausschau nach neuen Kameraden und unbekannte Schlachten. Ahoi Männer, lasst uns über die Meere ziehen!
